Montag, 25. April 2016

(vielleicht denk' ich auch nur zu viel)

- allgemeine Warnung: dieser Post drückt lediglich meine eigene Meinung und Auffassung aus und muss keinesfalls auf sämtliche Schüler der Bundesrepublik Deutschlands zutreffen!! -




Guten Morgen liebe Schüler, bitte verteilt diesen Text. Wer ihn am schnellsten analysieren, rezensieren und kritisieren kann so wie ich es mag, bekommt eine eins, und der Rest von euch kann ihn zuhause nochmal auskotzen und die darunterstehenden dreizehn Aufgaben zu nächster Stunde erledigen. 
Ist, was in meinem Kopf ankam. Die Zettel wurden herumgereicht. 
Allgemeines Seufzen und Stöhnen. 
Es war ein Gedicht. 
Ich mag Lyrik. 
Konstellationen von Reimen und Wörtern auseinanderfummeln. Ein Wirrwarr aus Metaphern herunterbrennen auf die Grundbausteine. Und vor allem, Lyrik gibt mir etwas zum Fühlen. 
Poesie, die berührt. 
Die bewegt. 
Ein Mensch, irgendwo damals Jahre zuvor, in einer anderen Zeit, zu der es noch keine LED-Lichter gab, hat sich hingesetzt im Scheine seiner bronzefarbenen, dicken Kerze, an der bereits mehrere Wachsschichten herabtropften, und er tunkte seine Feder in die Tinte und schrieb nieder, was ich jetzt lesen kann. Vielleicht hatte er auch eine Schreibmaschine und der Raum war benebelt von Zigarrenrauch - irgend so eine teure, alte, edle Zigarre aus Amerika, als die Menschen gerade entdeckten, dass man handeln kann. Und auch dieser Mensch tippte seine Gedanken nieder. 
Und ich kann sie lesen, weil ich lesen gelernt habe damals mit dem Lesebär Umi in unserem Dorf, und ich frage mich oft, wie die Schule es schafft, so etwas Tolles, wirklich wahrhaftig tolles, schlicht und einfach auszutrocknen. 
Das ist Leben auf unseren Blättern. 
Und wir können die Sätze sezieren wie ein Chirurg - ich hielt mein imaginäres Skalpell, den Kugelschreiber, mit Leichtigkeit. 
Zündschlüssel rumdrehen, Gehirn fängt an, zu laufen, Gedanken fahren hoch. 
Doch weit kam ich nicht. 
Austrocknen...das ist ein gutes Wort. Vor allem für die Schule. 
Wäre jeder Schüler eine Pflanze, würde die Pausenhalle einer Steppenlandschaft gleichen. 
Ist es nicht auch die Aufgabe der Lehrer, zu erkennen, was wir für Pflanzen sind, um uns dementsprechend zu gießen? 
Sprinkleranlagen können zarte Sprossen ertränken. 
Mein Blick wanderte von Stuhl zu Stuhl. 
Ich sah junge Menschen, die müde sind. Denn es heißt, Schlaf oder Szenen-Analyse.
Schlaf oder Vektorenrechnung. 
Und wir machen keins dergleichen. Bleiben wach, wollen leben, wissen aber auch nicht wirklich, wie. Schlafen kann ich, wenn ich alt bin, hab ich mir vor ein paar Jahren immer gesagt. 
Und jetzt ist der aufregendste Moment des Tages, wenn ich schon um 21 Uhr ins Bett fallen kann. 
Wann habe ich aufgehört, mir um Mitternacht Frühlingsrollen in den Ofen zu legen und davorzuhocken wie ein kleines Kind, die Arme um die Knie geschlungen, um gespannt zu beobachten, wie sie brutzeln und braun werden? 
Es fühlt sich an, als hätte ich mich ergeben. 
Die Schule hat mich ausgetrocknet. 
(Oder werde ich bloß erwachsen?)
(Wenn ja, so helft mir!) 
Aber es ist eigentlich schade.
Jeder von uns, jeder Mensch in dieser Schule ist ein Museum aus ungeborenen Ideen.
Und gleichzeitig wurde jedem von uns ein hölzerner Kasten auf den Kopf gesetzt, in den diese Ideen hineingepresst werden sollen.
(Tja, liebe Schule - ich nehme mir jetzt einfach eine Säge..)

Wir sind hier, um zu lernen.
Ja.
Aber was lernen wir?
Wie wir in zehn Minuten eine vierseitige Zusammenfassung reproduzieren können.
Dass das Beißen in den Finger effektiver wach hält als regelmäßiges Fußwippen.
Dass Frau Müller Tobias nicht mag.
Und dass Tobias Leon nicht mag.
Und dass Leon jetzt ausgelacht wird.
Und dass wir nichts sagen.
Und dass Lena so dünn und still geworden ist.
Und dass wir nichts sagen.
Und irgendwann kommen Leon und Lena nicht mehr zur Schule.
Hier laufen Dinge falsch, gewaltig falsch. 
Ich sehe junge Menschen, die Angst haben; Angst davor, laut zu sein und bunt und groß; sie wandeln durch die Gänge in grauen Shirts und zu großen Hosen, Kopf gesenkt, Augen fahl. 
Ich sehe junge Menschen, die sich heimlich hassen, weil ihnen jeder Lehrer sagt, was sie falsch machen und keiner sich daran zu erinnern scheint, dass Noten nur Zahlen sind und Menschen keine Maschinen, die man kategorisiert und bewertet.
Ich sehe junge Menschen mit roten Augen und verwischtem Eyeliner, denn sie haben gerade das vierte Mal auf der Schultoilette weinen müssen, weil ihre Mutter Chefärztin ist, aber nicht sieht, wie krank der Stress ihr eigenes Kind macht.
Ich sehe junge Menschen, die ihre Träume in den Mülleimer werfen zusammen mit den leeren Plastikbehältern von dem labbrigen Salat aus dem Netto um die Ecke.
Ich sehe junge Menschen, die nichts von sich halten, denn warum sollten sie, mit so einem Zeugnis.
Bildung sollte Flügel verleihen und sie nicht etwa abschneiden.
Aber hier wird alles, was zählt, reduziert auf die Anzahl der Meldungen pro Stunde und ob das noch für eine 4- reicht.
Der neumodische Schülerkopf ist nicht das Zuhause für eine neue Generation, die große Projekte baut, die die Welt rettet und die Menschheit aufhebt; der Schülerkopf des einundzwanzigsten Jahrhunderts ist ein graues Gerüst von Struktur - ein Produktdesign der alten Politiker und heranwachsenden Medien.
Der Schulstoff wird uns nur noch reingeprügelt.
Zweite Woche nach den Sommerferien, und wir haben plötzlich schon die erste Arbeit vor der Nase. Kurzes Schuljahr? Pech gehabt. Müsst ihr eben mehr machen.
Noch schneller.

Ich bin jetzt in der elften Klasse und jeder, mit dem ich über das unbekannte, gruselige, schwarze Loch rede, auch bekannt als Zukunft, der sagt mir: ich will erstmal raus. Was machen. Noch mehr Schule, Studium, das kann ich nicht.
Und dann, als hätten sie es aus weiter Entfernung riechen können, wuseln plötzlich eifrig drei Lehrer heran, um uns über den Ernst des Lebens zu belehren, und wie glücklich wir uns schätzen könnten, jetzt noch solch eine schöne Zeit in der Schule haben zu können.
Und ja klar, so manch ein Beruf ist anstrengender als diese Schule.
Wir machen ja auch eigentlich nichts.
Genau..
Wir machen ja nichts.
Wir werden in Profile und Wahlsysteme gesteckt, belegen Fächer, die uns nicht liegen, nicht interessieren; in diesen Fächern sitzen wir zwei, dreimal die Woche in einem Raum und hören uns Dinge an, die uns nicht bewegen, nicht berühren; es werden uns lange Hausarbeiten auferlegt, die uns wie Steine in der Tasche liegen; nach und nach müssen wir unsere Hobbies aufgeben, um diese Hausarbeiten noch erledigen zu können, obwohl wir sie doch nur liederlich bearbeiten; als nächstes wird unser Spaß gestrichen, denn Schule geht vor. Wir können nicht mehr runterkommen, sind konstant auf dem heißen Draht, lenken uns ab mit stumpfen Handspielen ohne Ziel - bloß nicht denken, bloß nicht anstrengen - denn wofür auch, wir hassen mittlerweile alle unsere Fächer, denn sie sind Schuld, dass wir nicht vorankommen mit dem, was wir eigentlich machen wollen. Und wir könnten uns ja motivieren, aber wofür? Die Lehrer kriegen so oder so ihr Gehalt. Und dann noch die ganze Scheiße fünf Jahre lang an einer Uni mit älteren Professoren und längeren Facharbeiten durchkauen? Um dann den Rest unseres Lebens in ein und demselben Beruf zu stecken, und kleine Schüler mit einem bitteren Ton der Weisheit darüber belehren zu können, wie glücklich sie sich schätzen können...ja, genau wie ich mich in diesem Text verloren hab, verliere ich mich im Alltag.

Niemand haut mehr auf den Tisch und stellt die Dinge klar.

Alle ducken sie sich nur noch.

Und doch sitzen wir morgen früh vereinheitlicht und mehr oder weniger frisch gebügelt und gekämmt auf unserem Platz und seufzen, wenn die Zettel rumgereicht werden.
Die Schule ist wie der Kakao, den man sich bei uns für 50 Cent im Nordgebäude kaufen kann.
Trüb und geschmacklos.
So kommen wir nicht voran.
Liebes Schulsystem, ich bin eine Lilie.
Und meine Freunde sind Tulpen.
Bitte behandelt uns nicht wie Kakteen.

... wie auch immer. Muss jetzt aufhören, zu schreiben. Hab noch Mathehausaufgaben zu erledigen..



Kommentare:

  1. Das hast du wunderschön geschrieben, du hast Talent. Aber vorallem hast du Recht! Leider ist es genauso wie beschrieben. So sitze ich jeden Tag da und zähle die restlichen Schultage meines Lebens. 10 mal noch aufstehen und sich den Händen von unqualifizierten Gärtnern geben und dann raus in die Welt und wachsen.
    Halte durch!

    AntwortenLöschen
  2. Wow! So inspirierend!
    Vielen Dank

    AntwortenLöschen
  3. Unglaublich treffender, wahrer und inspiriender Text! Schon mal darüber nachgedacht ihn an ein Bildungsministerium zu schicken?
    Liebste Grüße

    AntwortenLöschen
  4. Unglaublich treffender, wahrer und inspiriender Text! Schon mal darüber nachgedacht ihn an ein Bildungsministerium zu schicken?
    Liebste Grüße

    AntwortenLöschen
  5. Hei Anna,
    ich habe deinen Blog auch eben erst entdeckt und dieses Post gefunden.
    Erstmal wollte ich dir sagen, dass du eine verdammt gute Ausdrucksweise hast und sehr schöne Metaphern findest, um deine Gedanken zu beschreiben! :)
    Ich kann deine Gedanken bzgl. unseres Schulsystems in einer bestimmten Art und Weise verstehen. Bei uns war es die letzten Jahre auch oft ähnlich und erst gegen Ende des letzten Jahres gab es neben der immer mehr werdenden Abivorbereitung aus wirklich spannende Stunden. Teilweise bin ich in den letzen Unterrichtsstunden sogar aus dem Unterricht raus und war richtig traurig, dass es vorbei ist. Wo es doch nun endlich spannend wurde ich mein über 12 Jahre angeeignetes Wissen endlich hätte anwenden können!
    Wie du siehst, es ist nicht immer so grau und leer wie bei dir, gerade am Ende wird es auch hin und wieder sehr interessant. :)
    Und dennoch, diese Leere in den Augen der SchülerInnen kenne ich nur zu gut. In meinem Jahrgang, in denen über oder unter mir gibt es immer ein oder zwei Mädchen, die zu dünn sind. Und immer dünner werden. Bis sie irgendwann nicht mehr in die Schule kommen. Und Jungs, die kiffen, saufen und rauchen, um sich abzulenken. Mädchen, die kiffen, saufen und rauchen gibt es auch. Es liegt wahrscheinlich daran, dass wir in ein System gezwängt werden, das uns uniformiert. Für die Abweichung einer Norm wird es schwierig. Fächerkombinationen sind vorgegeben, LehrerInnen gehen vor SchülerInnen und die Zeiten sind einfach nicht auf den normalen Biorhythmus eines jungen Menschen angepasst (ja, der verschiebt sich nämlich in der Pubertät um 2h-3h nach hinten, aber die Schule fängt genauso früh an...). Ich sehe immer wieder, wie gut das Schulsystem in Skandinavien läuft. War auch selbst durch einen Austausch dort. Was ich beobachtet habe war ein freundschaftliches Verhältnis zwischen LehrerInnen und SchülerInnen, entspannterer Unterricht und besseres Mensaessen. Aber als in Frankreich war, da kam mir unser System plötzlich brillant vor.
    Ich glaube, wir müssen uns in gewissen Maßen anpassen, anders funktioniert es nicht. Aber wir haben das Potenzial etwas zu verändern! Über die SV, über Parteiarbeit und Diskussionen. Was ich für mich aus meiner Schulzeit mitgenommen habe, dass ist das "Wie" ich mich anpasse. Hausaufgaben machen ja, die helfen bei Klausuren und im Unterricht; Lernen nur in gewissen Maßen um genug Freizeit zu haben. Und mir schöne Termine auch während der Schulzeit zu suchen. AG's die ich mag (gleichzeitig deine Persönlichkeit bilden und dir einen engagierten Ruf verpassen) oder meine Freistunden in der Sonne verbringen. Das hilft unglaublich. Nicht zu vergessen ist ein gewisser Optimismus versehen mit ein bisschen Gleichgültigkeit. Nicht alles ist wirklich wichtig und nicht überall muss man sich Stress machen. Probiere es mal aus. :)
    Mein Kommentar ist ziemlich lange geworden und beim Schreiben habe ich mir gerade überlegt meinen nächsten Post auch in diesem Bereich anzusiedeln. Dürfte ich mich auf dich beziehen? Dich evtl. zitieren?
    Alles Liebe,
    Marah

    AntwortenLöschen
  6. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

    AntwortenLöschen